Demografie und Fachkräftemangel

Wenn es um die Ursachen des Fachkräftemangels geht, wird auch immer der demographische Wandel angeführt. Aktuelle Probleme wie die Corona-Krise lenken von der Tatsache ab, dass der deutsche Arbeitsmarkt in den nächsten Jahren überproportional vom demographischen Wandel betroffen sein wird. Als magische Zahl wird in vielen Statistiken immer wieder das Jahr 2030 genannt. Aktuell steht einem Angebotspotential von ca. 42 Millionen Arbeitskräften eine Arbeitskräftenachfrage in Höhe von ca. 45 Millionen Arbeitskräften gegenüber.

Bei der Nachfrage sind in den kommenden sieben Jahren noch Anstiege zu erwarten, beim Angebot zeichnet sich bereits jetzt ein Rückgang ab. Aktuell wird der Engpass hauptsächlich durch Überstunden und Arbeitsumverteilung geregelt und stellt den Mittelstand bereits vor große Herausforderungen.

Im Jahr 2030 ist der durchschnittliche Arbeitnehmer in Deutschland 45 Jahre alt, während es aktuell noch 43 Jahre sind. Durch Pensionierungen fehlen ab 2030 rund 3,5 Millionen Arbeitskräfte. Besonders drastisch betrifft es jene Bereiche, die bereits jetzt mit Personalknappheit zu kämpfen haben, allen voran die Pflege. Im Klartext bedeutet das, dass jede zehnte Stelle nicht mehr besetzt werden kann. Da dieser Umstand bekannt ist, wäre es an der Zeit, um frühzeitig geeignete Maßnahmen zu ergreifen. Aber wie sollten diese Maßnahmen aussehen?

 

Welche Bereiche sind vom demographischen Wandel besonders betroffen?

Neben der Pflege, die bereits genannt wurde, betrifft es auch Lehrer und sogenannte MINT-Akademiker (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik). Auch Juristen, Betriebswirte und Führungskräfte werden sehr gute Berufsaussichten haben. In der Pflege sind vor allem die Assistenzberufe vom Fachkräftemangel betroffen. In der Automobilindustrie, welche von Entwicklung und Forschung lebt, werden MINT-Absolventen bereits jetzt händeringend gesucht.

Die zunehmende Digitalisierung sorgt dafür, dass Hilfs- und Lagerarbeiten, ebenso wie Verwaltungs- und Sekretariatsdienste eher in den Hintergrund rücken, teilweise sogar ein Überangebot bestehen wird. Viele der künftigen Pensionisten waren im Handel, Logistik- und Transportwesen und der industriellen Produktion tätig. Hier werden die nachrückenden Fachkräfte teilweise mit neuen Anforderungen konfrontiert werden, da auch hier immer mehr die Digitalisierung am Vormarsch ist. Ein Trend zur höheren Qualifizierung ist deutlich erkennbar, Hilfskräfte werden künftig zunehmend weniger gebraucht.

Neuere Berufszweige wie Medien, Technologie und Telekommunikation sind vom demographischen Wandel ebenfalls weniger betroffen. Hier wird allerdings die zunehmende Konkurrenz mit branchenfremden Unternehmen ein Thema werden.

Für alle Berufszweige ist jedenfalls ein deutlicher Anstieg des Durchschnittsalters der Erwerbstätigen zu erwarten. Das höchste Durchschnittsalter wird in der Logistik- und Transportbranche mit 45,6 Jahren erwartet.

Was kann unternommen werden, um dem entgegenzuwirken?

Aktuell scheint noch keine wirklich große Handlungssetzung in Angriff genommen worden zu sein. Wenn darüber diskutiert wird, werden folgende Bereiche stets genannt:

  • Es sollen mehr Investitionen in die Digitalisierung getätigt werden
  • Die Frauenerwerbsquote soll gesteigert werden
  • Qualifizierte Zuwanderer sollen geworben werden
  • Das Renteneinstiegsalter soll angehoben werden
  • Mehr Aus- und Weiterbildungsmöglichkeiten

Es lässt sich jedoch auch kaum bis 2030 ändern, dass Frauen in den Assistenzberufen des Gesundheitswesens überwiegend vertreten sind, während der MINT-Zweig vorwiegend für Männer interessant ist. Auch im Automobilsektor ist nur jede vierte Stelle von einer Frau besetzt. Schulen versuchen, mit Veranstaltungen wie dem „Girls Day“ Mädchen für den naturwissenschaftlichen Zweig zu begeistern, zudem „zwingen“ Frauenquoten in börsennotierten Betrieben die Unternehmer dazu, in Förderprogramme für Frauen zu investieren.

Dennoch ist nur eine Zunahme von zwei bis drei Prozent zu erwarten. Das ist übrigens kein rein deutsches Problem, sondern betrifft ebenfalls auch die Nachbarländer Österreich und die Schweiz.

Vor allem die Automobilindustrie hat sich der Aus- und Weiterbildung ihrer Mitarbeiter verschrieben. Der Bedarf an Metallarbeitern, Mechanikern und ähnlichen Berufen wird nämlich deutlich sinken, hingegen werden immer mehr Ingenieure zur Entwicklung und Steuerung von Prozessen benötigt.

Eine Änderung des Berufsfeldes wird auch im Finanzsektor erwartet. Die zunehmende Digitalisierung von Arbeitsabläufen sorgt für Veränderung im Umgang mit Kunden im Banken- und Versicherungswesen. Bankkonten und Versicherungen werden online abgeschlossen, bei Fragen wird virtuell kommuniziert. Für den direkten Kundenkontakt wird daher künftig immer weniger Personal benötigt, während Absolventen von Informations- und Kommunikationstechnologie immer mehr gefragt werden.

 

Drama in der Pflege

Besonders hart wird der demographische Wandel das ohnedies bereits sehr gebeutelte Pflege- und Gesundheitswesen treffen. Im Klartext werden bei den Assistenzberufen im Gesundheitswesen bis 2030 rund 290.000 Arbeitskräfte fehlen. Auch hier wird der Anstieg des Durchschnittsalters sehr deutlich spürbar sein.

Wie bereits erwähnt, arbeiten hauptsächlich Frauen in den Bereichen Pflege und Pharma. Das bedeutet, um den Beruf für Frauen weiterhin attraktiv zu halten, muss die Vereinbarkeit von Beruf und Familie gegeben sein. Außerdem muss überlegt werden, wie der Berufszweig für Männer interessanter werden kann.

 

Akademiker für den Handel

Der Handel wird am Fachkräftemangel leiden, allerdings nicht das Verkaufspersonal betreffend, sondern auch hier werden Akademiker besonders wichtig. Das klassische Einkaufserlebnis wird sich durch die Digitalisierung verändern, bzw. ist dies pandemiebedingt eigentlich bereits früher als erwartet geschehen. Trotz des ganzen Online-Angebots wollen viele Kunden aber nicht auf kompetente Beratung vor Ort verzichten, somit muss auch in die Förderung und Weiterbildung von Mitarbeitern investiert werden.

Vor allem im Handel lohnt es sich auch, auf qualifizierte Zuwanderung zu setzen, da internationale Sichtweisen, Ideen und Kenntnisse immer einen Profit für das Unternehmen darstellen.

Auch im Handel liegt die Frauenquote deutlich über dem Durchschnitt. Auch diese Berufe sind unbedingt familienfreundlich zu gestalten, sodass auch eine Kinderbetreuung durch beide Elternteile gesichert werden kann. Flexible Arbeitszeiten, aber auch flexible Arbeitsorte sollen die Vereinbarkeit von Beruf und Familie ermöglichen.

Im Handel wird das Durchschnittsalter der Angestellten bis 2030 ebenfalls bei 45 Jahren liegen. Dies stellt eine große Chance dar, kaufkräftige Kunden ab 55 Jahren zu begeistern. Erfahrungsgemäß werden ältere Kunden oft lieber von älteren Mitarbeitern bedient, da sie deren Erfahrung schätzen. Umgekehrt bringen ältere Mitarbeiter oftmals mehr Verständnis und Geduld für diese Zielgruppe auf. Somit muss gezielt auch diese Altersgruppe der Mitarbeiter gefördert werden.